Skip to content

Review: Papers, Please

Die folgenden Tagebucheinträge wurden nach der Entlassung des Genossen XXXXXXX in seiner Wohnung in der XXXXXXXX-Straße beschlagnahmt. Alle persönlichen Daten wurden geschwärzt.

Tagebucheinträge

22. November 1982

„Heute ist mein Glückstag! Ich erhielt heute ein Schreiben, dass ich die Arbeitslotterie des Monats gewonnen habe. Ich hatte mich zuerst gewundert, weil ich an keiner Lotterie teilgenommen habe. Aber da man nicht jeden Tag etwas gewinnt, habe ich mich trotzdem gefreut.“

„Der Gewinn ist eine neue Arbeitsstelle in Grestin. Unsere großartige Führung in Arstotzka will die Grenzen nach Kolechien öffnen und jemand muss natürlich die ehrenvolle Aufgabe übernehmen, die Einreisenden zu kontrollieren. Ich freue mich wahnsinnig, dass ich diese Aufgabe übernehmen darf.“

„Meine Frau XXXXXX und mein Sohn XXXXX ziehen gleich mit in die neue Wohnung ein. Auf die Mitnahme meiner Schwiegermutter hätte ich verzichten können. Auch wenn mir unsere aktuelle Wohnung der Klasse 6 in XXXXXX gefällt, wird die neue der Klasse 8 in Ost-Grestin sicher nicht schlecht sein.“

„In der Zeitung steht mein neuer Job.”
„In der Zeitung steht mein neuer Job.”

23. November 1982

„Mein erster Arbeitstag bei der Grenzstelle. Ich musste mich am Anfang durch das Handbuch wühlen, aber prinzipiell sind die Regeln einfach: Arstotzkaner mit gültigem Pass dürfen rein, der Rest nicht. Immerhin zwölf Leute konnte ich so abfertigen. Ich fand es etwas schade, dass nicht jeder in unser schönes Arstotzka einreisen darf, aber das hat sicherlich seine Gründe.“

„Meine Grenzkabine ist gemütlich, aber nicht sehr groß. Vor allem der Lautsprecher, mit dem ich ‚Es lebe Arstotzka!‘ und ‚Nächster!‘ in die Menge brüllen darf, macht mir viel Freude.“

„Es lebe Arstotzka.“
„Es lebe Arstotzka.“

24. November 1982

„Heute ist etwas Tragisches passiert. Es steht sicherlich morgen in allen Zeitungen. Ein Terrorist ist bei der Einreise einfach über die Absperrung gesprungen und hat eine Rohrbombe auf einen Grenzsoldaten geworfen. Es war grauenhaft …“

„Und das auch noch an dem Tag, an dem unsere großartige Regierung die Einreisebestimmungen gelockert hat. Eigentlich durfte jeder mit gültigem Pass einreisen. Ich denke, das wird sich ab morgen ändern.“

25. November 1982

„Wie erwartet sind die Prüfungen jetzt wesentlich strenger – was für mich mehr Arbeit bedeutet. Es gab viele neue Regeln, die ich beachten muss. Jeder Ausländer muss einen Einreisebeleg vorlegen, dessen Datum ich prüfen muss.“

„Insgesamt gefällt mir die Arbeit gut. Es ist nicht so anspruchsvoll, aber man sieht viele Menschen.“

26. November 1982

„Hätte ich mich gestern nur nicht beschwert. Einreisebelege sind wegen des blühenden Schwarzmarktes nicht mehr erlaubt und ich muss jetzt Einreise-Genehmigungen prüfen. Name, Passnummer und Einreisegrund müssen alle geprüft werden und stimmen. Immerhin komme ich so mit den Leuten etwas ins Gespräch, es ist aber dennoch anstrengend.“

„Vor allem bin ich durch die vielen Prüfungen nicht mehr so schnell. Gerade einmal sechs Personen konnte ich kontrollieren. Aber ich will keinen Fehler machen. Da ich nur fünf Krediteinheiten pro Kontrolle bekomme, reicht das Geld gerade einmal für Miete (die heute auch noch erhöht wurde) und Heizung. Immerhin hatte ich etwas Geld gespart, um Essen für meine Familie kaufen zu können.“

„Als Grenzschützer muss ich jeden Pass genau kontrollieren.“
„Als Grenzschützer muss ich jeden Pass genau kontrollieren.“

27. November 1982

„Da es gestern so langsam voran ging, wollte ich heute etwas schneller arbeiten. Die Ersparnisse halten nicht ewig als Reserve. Dummerweise sind mir dabei mehrere Fehler passiert. Ich habe einige Leute wohl fälschlicherweise weggeschickt, obwohl sie einreiseberechtigt waren. Und ein oder zwei sind wohl durch meine Kontrolle geschlüpft, obwohl ihre Daten nicht gepasst haben.“

„Jede meiner Entscheidungen wird wohl von höherer Ebene noch einmal geprüft, wie auch immer die das machen. Jedenfalls gab es erst zwei Ermahnungen und danach durfte ich fünf Krediteinheiten Bußgeld pro Fehler bezahlen. Im Endeffekt habe ich heute nichts verdient, was ich meiner Frau natürlich nicht sagen kann.“

„Die Ersparnisse reichen leider nicht mehr für Heizung und Essen. Ich hoffe, dass mir meine Familie es abnimmt, dass bei Bauarbeiten was an den Heizungsrohren kaputt gemacht wurde.“

28. November 1982

„Heute war ein schlimmer Tag. Das Ministerium hat mir einen Arrest-Knopf in die Kabine eingebaut. Jedes Mal, wenn ich jemand Verdächtigen bemerke, soll ich den drücken. Ich dachte mir nichts dabei und als ich ihn drückte, ging ein Alarm los und zwei Wachen führten den Mann vor mir weg. Ich will gar nicht wissen, was sie jetzt mit ihm machen.“

„Zusätzlich ist meine ganze Familie krank, weil es hier so saukalt ist. Ich habe heute wieder nicht genug Geld nach Hause gebracht, um Miete, Heizung und Essen zu bezahlen. Zusätzlich brauchte ich auch noch Medikamente für XXXXXXX und XXXXXXX. Ich glaube, wir müssen, das Essen rationieren.“

„Entweder Essen oder Medikamente für die Familie …“
„Entweder Essen oder Medikamente für die Familie …“

29. November 1982

„Ich kann nicht mehr! Drei weitere Leute mussten wegen mir abgeführt werden. Ich hätte sie ja gerne durchgelassen, denn sie sahen echt nicht wie Terroristen aus. Aber ich hatte davor schon zwei Fehler gemacht und jeder weitere hätte wieder negative Krediteinheiten bedeutet.“

„XXXXXXX ist wieder gesund, aber XXXXXXX hat den Tag nicht überlebt. Ich weiß, man sollte das nicht sagen, aber ich konnte sie eh nie leiden. Ich versuche natürlich dennoch XXXXXXX zu trösten, aber mir scheint, sie gibt mir die Schuld daran.“

30. November 1982

Als ich heute nach Hause kam, lag ein Brief vom Ministerium auf dem Tisch. Weil wegen mir ein Familienmitglied gestorben ist und die Partei nur erfolgreiche Mitarbeiter in ihren Reihen wissen will, wurde ich entlassen. Die Wohnung wurde uns gekündigt. Morgen werde ich mich an den Grenzübergang nach Kolechien stellen. Hoffentlich sind deren Auflagen für eine Einreise nicht so streng wie bei uns …“

Zahlen und Fakten

„Papers, Please“ ist ein sehr ungewöhnliches Spiel. Der Startbildschirm und die militärische Musik zeigen es deutlich, dass man kein Highend-Grafik-Spiel erwarten kann. Dafür überzeugt „Papers, Please“ durch moralische Entscheidungen, die dem eigentlichen Spielziel, Fehler in einem Suchbild zu finden, oft entgegenlaufen.

Titelbildschirm von „Papers, Please“.
Titelbildschirm von „Papers, Please“.

Das macht das Spiel dann auch aus, denn man muss schon zweimal überlegen, ob man immer nach Vorschrift arbeitet oder eine Familie, die den Grenzübergang passieren will, trennt, weil bei einer Person der Pass abgelaufen ist. Teilweise haben Entscheidungen sogar Auswirkungen, die in der Zeitung am nächsten Tag aufgegriffen werden.

Durch die Bestrafung von Fehlern überlegt man sich auch zweimal, ob man absichtlich jemanden die Grenze überqueren lässt, der eigentlich nicht dürfte. Grob gerechnet muss man jeden Tag mindestens zwölf Personen korrekt kontrollieren, damit man Miete, Heizung und Essen bezahlen kann. Reicht das Geld nicht aus, muss man entweder Heizung oder Nahrung streichen, was sich auf die Gesundheit der Familienmitglieder auswirkt. Eine wissentliche Fehlentscheidung kann sich also auf die eigene Familie auswirken.

Leider kann man deswegen auch nicht einfach die Regeln des Spiels über den Haufen werfen, in dem man einfach alle Menschen einreisen lässt, was bei freien Grenzen ja toll wäre. Das System bestraft einen so stark, dass man so keine zwei Tage weit kommt.

„Papers, Please“ selbst kann man beispielsweise über Steam oder den Humble Store erstehen. Der Preis liegt bei ca. 9 US-Dollar. Das Spiel liegt in verschiedenen Sprachen vor, unter anderem auch Deutsch.

Trackbacks

deesaster.org am : Wochenrückblick 37/2014

Vorschau anzeigen
Der Wochenrückblick lässt das Geschehen der vergangenen Woche rund um Ubuntu, Linux und Open Source Revue passieren. Rund um Ubuntu Origami-Einhörner von Canonical Passend zur neuen Ubuntu-Version 14.10 „Utopic Unicorn“, die nächsten Monat veröffentlicht

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Martin am :

Sieht ganz nett aus, aber wie kann ich das Spiel speichern?

Ich habe keine Option zum speichern gefunden und dachte, dass es dann automatisch den aktuellen Stand speichert und habe das Spiel beendet. Beim erneuten öffnen kann ich aber nur von vorne beginnen.

Dee am :

Es wird am Ende jedes Tages, wenn Du auf "Schlafen" klickst, gespeichert. Danach kannst Du einfach "Beenden". Beim nächsten Spielstart, wenn Du auf "Geschichte" klickst, wird jeder Zeitstrang, den Du begonnen hast, angezeigt. Dort einfach auf den letzten Tag klicken, wo Du weitermachen willst.

Martin am :

Komisch, bei mir hat es nach mehreren Tagen nicht gespeichert. Erst nachdem ich verhaftet wurde sah ich die gespeicherten Tage.

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Formular-Optionen